Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: ein Formel-1-Fan
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Liebe Leser,
das kennt man doch: Man schaut eine Serie, die man eigentlich mag, aber die Folge ist irgendwie langweilig, es passiert nicht viel – zumindest am Anfang – und irgendwann schläft man vor dem Fernseher ein. Und hat danach Probleme, die Nacht durchzuschlafen … Formel-1-Fans bei der Premiere in Las Vegas 2023 mit deutlichen Gesten
Nun, genau das könnte vergangene Nacht eines der Probleme für Formel-1-Fans auf der ganzen Welt gewesen sein. Beim Bahrain-Grand-Prix in Malaysia mussten sie eine fast einstündige Unterbrechung des vorgesehenen Programms über sich ergehen lassen und bekamen dabei Bilder von Autos in der Boxengasse und umherlaufenden Mechanikern zu sehen. Niemandem wäre es zu verdenken gewesen, dabei einzuschlafen – nachdem man an einem Sonntagmorgen aufgestanden war, um zuzusehen, wie der Lieblingsmotorsport nicht pünktlich starten konnte.
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Ja, wegen des Regens gab es eine Verzögerung. Aber wer die Formel 1 schon seit Ewigkeiten verfolgt, dürfte wohl kaum enttäuscht gewesen sein, als es beim Einschalten wie aus Eimern schüttete. Wer die Formel 1 seit ungefähr drei Jahrzehnten verfolgt, kennt dieses Gefühl ganz sicher: Es ist ein gutes. Fernseher an. Diese wohlklingende Gitarrenmusik, die sich rasch steigert – wie ein Signal für Laborratten, die verzweifelt auf ihren nächsten Dopamin-Kick warten. Auf dem Bildschirm setzt sich das FIA-Logo mit dem darin integrierten Formel-1-Auto zusammen. Und sobald auf den Bildern der Helikopterkamera Regentropfen zu sehen sind, schießt einem augenblicklich das Blut in den Kopf. Laborratten hin oder her: Man weiß es einfach. Man weiß, dass einem etwas Besonderes bevorsteht. Als Regen noch Vorfreude bedeutete Regenbedingte Verzögerungen gab es auch früher. Sie steigerten nur die Vorfreude. Sie ließen die Spannung wachsen. Auch Formel-1-Autos, die vor der Schlacht auf einer nassen Startaufstellung standen, waren ein Genuss. Die Augen hochkonzentrierter Fahrer, deren Helmvisiere noch geöffnet waren und die starr nach vorne blickten. Gladiatoren. Mechaniker, die geschäftig umherwuselten und Reifen mit Heizdecken einpackten. Ingenieure, die zum Himmel blickten. Früher waren das doch die besten Bilder aus der Startaufstellung, oder? Nicht jene mit endlosen Reihen von Sängern, Schauspielern und Influencern, die man schon bei klarem Wetter nicht erkennen würde, geschweige denn im Regen. Das Warten hat sich immer gelohnt – und ich meine wirklich: immer. Denn gleich würde etwas Großartiges passieren.
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Man stelle sich zwei Ferrari vor, jene von Michael Schumacher und Rubens Barrichello, die in Sepang kurz nach dem Start beinahe gleichzeitig von der Strecke rutschen, weil sie ihre Autos auf dem rutschigen Asphalt nicht unter Kontrolle bekommen – nur um anschließend ein Überholfeuerwerk abzubrennen und sich mitten im völligen Chaos des Rennens wieder durch das Feld nach vorne zu kämpfen. Das war 2001, lieber Formel-1-Fan. 2001 gegen 2026: Was ist aus den Gladiatoren geworden? Ein Vierteljahrhundert später krochen Max Verstappen und Lewis Hamilton während der Einführungsrunde vor einem Rennen, das eigentlich ein Thriller werden sollte, auf genau derselben Strecke im Tempo eines Golfkarts dahin. Weil sie ihre Autos mit dem Gaspedal nicht kontrollieren konnten, wirkten die Gladiatoren der modernen Formel 1 machtlos – und zwar in jeder Hinsicht. Der Thriller musste mit der roten Flagge unterbrochen werden. Liebe Formel 1, du hast es ruiniert. In diesem speziellen Fall hast du mit diesem speziellen Softwarefehler, der diese hochkomplexen Antriebseinheiten völlig durcheinanderbrachte, den treuesten Formel-1-Fans etwas Großartiges genommen.
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Vielleicht war da ein Vater, der dafür einen Ausflug mit seiner Familie nach hinten verschoben hatte. Vielleicht ein Kind, für das die Formel 1 seine ganz eigene Welt ist, in die es flüchten kann. Vielleicht ein alter Mann in einem Seniorenheim, der sich noch immer daran erinnert, wie er 1976 in Fuji James Hunt und Niki Lauda beim Kampf um den WM-Titel zugesehen hat. Video wird geladen…
“Ich wünschte, wir hätten zu dem Zeitpunkt loslegen können, als wir rausgefahren sind, denn dann hätten wir ein schönes Rennen erlebt”, sagte Alex Albon, Formel-1-Fahrer und ganz sicher selbst auch Formel-1-Fan, nach dem Rennen. “Die Strecke war gut genug, um auf Regenreifen zu starten und unter diesen Bedingungen Rennen zu fahren. Es wäre schön gewesen, mit diesen Autos und diesem Reglement tatsächlich einmal richtig im Regen fahren zu können.”
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Es gab trotzdem noch ein ordentliches Rennen, das muss man sagen. Es gab einen Kampf an der Spitze und ein Überholmanöver um die Führung, eine Aufholjagd von Hamilton vom hinteren Teil des Feldes, unterschiedliche Strategien, Fehler und einiges an Drama. Nur war es eben bei Weitem nicht das, was es hätte sein können. Und so blieb dieser bittere Nachgeschmack. George Russell brachte es ziemlich gut auf den Punkt: “Der ganze Tag fühlte sich mit der Verzögerung, dann der roten Flagge und anschließend den endlosen Runden hinter dem Safety-Car irgendwie wie ein einziges Hin und Her an”, sagte er in der Interviewzone. “Es fühlte sich heute einfach nicht wirklich nach Formel 1 an. Und wenn ich auf der Tribüne gesessen und zugesehen hätte, wie sich das alles entwickelt, wäre ich wohl ziemlich enttäuscht gewesen.”
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Die Formel 1 boomt. Es besteht kein Zweifel daran, dass sich die Serie selbst in hervorragender Verfassung befindet. So gut wie nie zuvor. Schließlich dreht Brad Pitt eine Fortsetzung des F1-Films! Die Formel 1 boomt – aber für wen? Auch die Netflix-Serie läuft trotz des vorhersehbaren Rückgangs weiterhin gut und ist, wie man so schön sagt, noch immer deutlich besser als vergleichbare halbdokumentarische Hinter-den-Kulissen-Formate über andere Sportarten. Denn die Formel 1 ist großartig. In der Branche ist außerdem bekannt, dass die eigenen Fanumfragen der Formel 1 gute Werte liefern, wenn es darum geht, wie spannend die Teilnehmer die Rennen tatsächlich finden. Die Zahlen sehen gut aus. Aber spiegeln sie auch wider, wie diejenigen empfinden, die die Formel 1 seit Jahrzehnten verfolgen?
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Das Gras wirkt immer grüner, wenn man die Augen schließt und sich an die Rennen aus der guten alten Zeit erinnert. Auch damals gab es viele langweilige Rennen. Daran besteht kein Zweifel. Aber es gab eben auch einige verdammt gute! Und genau die bleiben am stärksten in Erinnerung. Es ist schwierig, wegen jenes Softwarefehlers, der die Stunde vor dem eigentlichen Start in Malaysia zu einer Peinlichkeit werden ließ, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Die FIA wäre der übliche Prügelknabe. (Fotostrecke: Die größten Formel-1-Fails aller Zeiten) Die größten Formel-1-Fails aller Zeiten
Aber erstens ist es nicht ausschließlich ihr Produkt, und die Software wurde gemeinsam mit den Teams entwickelt. Und zweitens sind diese Antriebseinheiten aus einer ganzen Reihe unterschiedlicher Gründe in die Formel 1 gekommen – allen voran aus kommerziellen, weil die Serie den Automobilherstellern entgegenkommen wollte.
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Diese Hersteller sind mächtige Organisationen, und grundsätzlich spricht nichts dagegen, dass sie mit der Formel 1 verbunden sind. Denn mit ihren finanzstarken Marketingmaschinen tragen sie dazu bei, dass dieser Boom weiter boomt. Sie bringen neue Fans. Angeblich zumindest. Doch diejenigen, die die Formel 1 seit Jahrzehnten verfolgen, stellen sich inzwischen schwierige Fragen darüber, ob dies noch dieselbe Serie ist, in die sie sich einst verliebt haben. Es sind diese gut informierten und sachkundigen Fans, die zusammenzucken, wenn sie sehen, wie Autos auf den Geraden langsamer werden. Sie sind es, die bei von der Antriebseinheit unterstützten Überholmanövern genervt ausatmen.
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Sie sind es, offenbar inzwischen eine Minderheit, die daran nicht mehr so viel Freude haben wie früher. Und sie sind es, die ungläubig den Kopf darüber schütteln, was aus der Formel 1 geworden ist, wenn sie Aussagen von Fahrern lesen, wonach Computer mehr entscheiden, als sie eigentlich sollten. Natürlich ist auch wahr, dass nicht jeder zusammenzuckt und den Kopf schüttelt. Aber nach der Vorstellung, die die Formel 1 im Vorfeld des Bahrain-Grand-Prix in Malaysia geboten hat, fragen sich vermutlich selbst viele von denen, die mit diesem Jo-Jo-Rennsport eigentlich kein Problem haben, ob dieses Reglement nicht tatsächlich einen Schritt zu weit geht. Wenn der Computer das Gaspedal kontrolliert “Ich wusste nicht einmal, dass die FIA unser Gaspedal kontrollieren kann. Das war tatsächlich ziemlich beängstigend”, sagte Oliver Bearman nach dem Rennen.
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“Ich finde nicht, dass sie unsere Gaspedale abschalten können sollten. Ich weiß, dass das nicht das Ziel war. Und vielleicht könnte man es für sinnvolle Dinge einsetzen, etwa bei einer Safety-Car-Phase oder einer roten Flagge. Wenn es einen heftigen Unfall gibt, schaltet man bei allen das Gaspedal ab. Ich schätze, das wäre gar nicht so schlecht.” “Aber in diesem Fall zeigt es uns wahrscheinlich, dass wir bei den Eingriffsmöglichkeiten vielleicht ein bisschen zu weit gegangen sind – mit diesem Low-Grip-Modus und all diesen Dingen. Das alles zu verstehen, ist ein Albtraum.” Ich persönlich bin kein Fan davon, wenn Fahrer vor die Medien treten und über die Formel 1 herziehen, wie sie es zu Beginn des Jahres getan haben. Es wäre deutlich besser gewesen, wenn es den Beteiligten gelungen wäre, diese Diskussion hinter verschlossenen Türen zu führen.
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Aber vielleicht ist es trotzdem gar nicht so schlecht, wenn jemand wie Verstappen seine Meinung sagt, wenn er das Gefühl hat, dass dieses Reglement tatsächlich die Zukunft der Meisterschaft bedroht, die sie lieben. Die wir lieben. Früher nannte man solche Menschen “Petrolheads”. Fortschritt ja – aber nicht um jeden Preis Es ist ebenso sinnlos, Fortschritt und neue Technologien abzulehnen. Die Welt verändert sich zweifellos, und die Formel 1 muss unbedingt mit dieser Entwicklung Schritt halten. Aber vielleicht muss sie auch erkennen und eingestehen, dass sie schlicht zu weit gegangen ist. Oder zumindest versuchen, jenen ein Stück weit entgegenzukommen, die den Kern ihrer Fangemeinde bildeten, als die Formel 1 noch nicht gerade boomte.
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Es geht nicht um “Bringt die V10-Motoren zurück”, “Verbietet Computer” oder “Macht alles wieder wie 2001”. Vielleicht reicht für den Anfang etwas Kleines: dafür zu sorgen, dass die besten Fahrer der Welt bei Regen noch immer in der Lage sind, Rennwagen auf einer nassen Strecke zu bändigen. Und vielleicht macht man diese Autos anschließend selbst wieder ein wenig einfacher, damit sich niemand mehr fragen muss, ob wirklich der Fahrer den Unterschied gemacht hat oder doch der Algorithmus, der im richtigen Moment ein paar zusätzliche PS freigegeben hat. Die Petrolheads würden das ganz sicher begrüßen. Und das wäre auch gar nicht so schlecht. Denn schließlich sind sie es, die wahrscheinlich noch da sein werden, wenn der Boom irgendwann nicht mehr boomt.
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Euer Oleg Karpow
Formel1.de
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