1. August 1976: Der Tag, an dem Niki Lauda nur knapp dem Feuertod entkam

1. August 1976: Der Tag, an dem Niki Lauda nur knapp dem Feuertod entkam

 

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Es ist der 1. August 1976, kurz vor 14:30 Uhr, als der Große Preis von Deutschland auf dem Nürburgring von einem der schwersten Unfälle in der Geschichte der Formel 1 überschattet wird: Niki Lauda prallt mit seinem Ferrari 312T2 gegen eine Felswand, schleudert zurück auf den Asphalt und geht lichterloh in Flammen auf.  Rainer Schlegelmilch/Getty Images Niki Lauda fährt auf der Nordschleife, kurz vor seinem Feuerunfall 1976

Es ist der Tag, an dem der damals 27-jährige Formel-1-Weltmeister nur knapp dem Feuertod entkommt und körperlich wie emotional für immer gezeichnet bleibt. Die wackligen Amateuraufnahmen des brennenden Wracks und die erschütternden Bilder seiner schweren Verletzungen gehen um die Welt – und sind bis heute unvergessen. Lauda überlebt die Katastrophe, kehrt nur sechs Wochen später ins Cockpit zurück und gewinnt bereits ein Jahr später seinen zweiten von insgesamt drei Weltmeistertiteln. Der humorvolle Österreicher mit dem roten “Kapperl” wird zur Legende der Formel 1 und zählt bis heute zu den größten Persönlichkeiten der Königsklasse. Niki Lauda will gar nicht am Nürburgring fahren Dass Lauda an jenem Schicksalstag im August 1976 beim Rennen auf der legendären Nordschleife des Nürburgrings mit seinem Ferrari 312T2 überhaupt am Start steht, ist ein unglücklicher Umstand. Denn bereits einige Jahre zuvor gerät die 22,8 Kilometer lange Strecke infolge mehrerer schwerer Unfälle auf anderen Kursen zunehmend in die Kritik.
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Man einigt sich deshalb auf umfangreiche Umbaumaßnahmen mit Leitplanken, Fangzäunen und begradigten Abschnitten. 17 Millionen Mark werden investiert, um die Königsklasse zu halten. 1976 soll das letzte Rennen sein. Doch die technische Entwicklung der Formel 1 schreitet derart rasant voran, dass die Boliden den Modernisierungen an der Strecke wieder enteilt sind.  David Phipps/Sutton Images Niki Lauda war vor dem Start des Rennens skeptisch …

Alles, was am Nürburgring zuvor verbessert wurde, ist aus Laudas Sicht längst wieder überholt. Schon am Rande des dritten Saisonrennens in Long Beach setzen sich deshalb fünf Piloten zusammen, um die Situation zu diskutieren und darüber abzustimmen, ob man auf der Nordschleife überhaupt noch ein Rennen fahren soll. Doch die Fahrer stecken in einer Zwickmühle, weil der Nürburgring die ursprünglichen Forderungen erfüllt hat. Das Votum fällt entsprechend knapp aus: Drei Fahrer stimmen für das Fahren, zwei dagegen – Lauda selbst und Emerson Fittipaldi. Der Österreicher beugt sich dem Mehrheitsbeschluss und tritt im August 1976 zum Deutschland-Rennen an. Die Nordschleife, die Jackie Stewart einst als “Grüne Hölle” bezeichnet hat, ist für die Fahrer trotz aller Risiken eine einzigartige Herausforderung. Sie ist schon damals “die geilste Strecke, die man fahren konnte”, gibt Lauda mehrfach zu. Sein Auto dort am Limit zu beherrschen, sei schlicht “die Krönung gewesen”. Das Risiko wird damals verdrängt. Formel-1-Quiz
Niki Lauda fuhr in der Formel 1 wie viele Führungsrunden?
1620 2050 1590 1152 Teste Dich jetzt im Formel-1-Quiz und vergleiche Dich mit anderen Usern Ohne diesen Verdrängungsmechanismus, gesteht der Österreicher später einmal ein, hätte er dort ohnehin nicht schnell fahren können. Und Lauda ist pfeilschnell: Er ist der erste Fahrer, der die Nordschleife mit einem Formel-1-Auto in unter sieben Minuten umrundet. Im Jahr 1975 fährt er mit seinem Ferrari 312T eine Rundenzeit von 6:58.60 Minuten. Die letzten Stunden vor dem schweren Feuerunfall Dass es am Morgen des Renntags im August 1976 regnet, macht die Situation zusätzlich kompliziert. Erneut beruft Lauda eine Fahrerversammlung ein, um einen kurzfristigen Boykott des Rennens zu diskutieren. Doch wieder entscheidet sich die Mehrheit dafür, den Grand Prix stattfinden zu lassen. Dass dieser Tag in einer Tragödie enden wird, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Doch rückblickend wirkt eine skurrile Begegnung wie ein böses Omen: Ein Fan bittet Lauda kurz vor dem Rennen um ein Autogramm und verlangt ausdrücklich, dass er das Datum dazuschreibt. Auf Laudas verdutzte Nachfrage antwortet der Mann trocken, dass es schließlich sein letztes Autogramm sein könnte. Ob es tatsächlich die letzte Unterschrift vor dem Feuerunfall ist, kann Lauda später nicht mehr mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Denn an die folgenden Stunden erinnert sich der dreifache Weltmeister nur noch bruchstückhaft. Video wird geladen…  

Mit Ausnahme von Jochen Mass (McLaren-Ford) starten alle Piloten auf Regenreifen, obwohl die Strecke zunehmend abtrocknet. Während Mass mit Slicks durch das Feld pflügt, biegt Lauda, der zwar von Startplatz zwei ins Rennen gegangen ist, aber bereits zahlreiche Positionen eingebüßt hat, nach der ersten Runde zum Reifenwechsel an die Box ab.
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Danach reißt der Erinnerungsfaden bei Lauda vollständig ab. Das Letzte, woran sich der damals 27-Jährige später erinnern kann, ist die Ausfahrt aus der Boxengasse. Die folgenden knapp zehn Kilometer bis zur Unfallstelle sind aus seinem Gedächtnis vollständig gelöscht. Zunächst verläuft alles problemlos. Doch als Lauda die Passage “Bergwerk” bei Kilometer zehn erreicht, passiert es. Es handelt sich um einen schnellen Linksknick, eine normale Vollgaskurve und “eigentlich nichts Gefährliches”, wie Lauda später selbst betont. Doch genau dort nimmt die Tragödie am 1. August 1976 ihren dramatischen Lauf. Materialfehler als Ursache für Lauda-Unfall am Nürburgring Wie sich später herausstellt, ist ein möglicher Materialfehler schuld. Zwar wird die genaue Ursache des Unfalls seitens der Scuderia offiziell nie bestätigt, doch Lauda berichtet mehrfach selbst davon, dass es einen Schaden an seinem Ferrari 312T2 gegeben hätte.
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Ferrari-Chefmechaniker Ermanno Cuoghi habe ihm verraten, dass der Anlenkpunkt des rechten hinteren Längslenkers gebrochen ist. Um etwas Gewicht einzusparen, ist dieser mit einem neu entwickelten Magnesiumteil am Motor befestigt worden. Genau dieses Bauteil versagt offenbar. Das rechte Hinterrad knickt ein, der Ferrari bricht aus, prallt gegen die Felswand und geht sofort in Flammen auf. Nachkommende Autos können nicht ausweichen und treffen das Wrack. Dass Lauda neben Knochenbrüchen vor allem schwerste Verbrennungen am Kopf erleidet, hat einen Grund: Beim Aufprall wird ihm der Helm vom Kopf gerissen.   Lauda erlitt schwere Verbrennungen, weil seinen Helm vom Kopf rutschte

Zuvor ist Lauda jahrelang mit einem Bell-Helm gefahren, doch AGV gewinnt den Österreicher ab 1976 als Fahrer für ein neues Helmmodell. Der Helm ist leichter und komfortabler, sitzt ihm allerdings etwas zu locker. Lauda ist später überzeugt, dass sein bewährter Bell-Helm beim Aufprall nicht weggeflogen wäre. Arturo Merzario als wichtiger Lebensretter von Niki Lauda Inmitten des Infernos naht Hilfe. Hans-Joachim “Strietzel” Stuck, der 1976 für March bei seinem Heimrennen antritt und nur wenige Positionen hinter Lauda fährt, erreicht die Unfallstelle als einer der Ersten. Gemeinsam mit Brett Lunger, Harald Ertl, Arturo Merzario und Guy Edwards versucht er, den eingeschlossenen Ferrari-Piloten zu retten.
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Augenzeugen berichten später, dass Lauda laut schreit, während die anderen Fahrer die Flammen bekämpfen und versuchen, ihn aus dem brennenden Ferrari zu befreien. Merzario ist derjenige, dem es nach einer knappen Minute gelingt, die Gurte zu lösen.
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“Beim dritten Versuche habe ich erst geschafft”, berichtet der Italiener zum 40. Jahrestag des Unfalls im ZDF. “Es war leider so, dass Niki mir gar nicht geholfen hat. Er hätte sich entspannen müssen. Sein Fahrzeug war vom Aufprall verformt, deswegen waren die Gurte stark angespannt.” “Und als es dann dazu kam, dass er ohnmächtig wurde, erschlaffte sein Körper. Im letzten Anlauf habe ich den Gurt öffnen können”, sagt Merzario. “Ich legte ihn neben die Fahrbahn. Als ich ihn beatmet habe, ist er wieder zu sich gekommen.” Hans-Joachim Stuck erspart Lauda eine lange Krankenwagenfahrt Stuck sichert die Unfallstelle, warnt die herannahenden Fahrer und hilft anschließend dabei, die Rettungsmaßnahmen zu koordinieren. Er weist die Ersthelfer damals auch an, rund einen Kilometer entgegen der Fahrtrichtung bis zur Behelfsausfahrt Breidscheid zu fahren, die direkt auf die Bundesstraße führt.  Bernard Cahier/Getty Images Der Ferrari 312T2 von Niki Lauda wird komplett zerstört

Ohne diesen Hinweis hätten die Retter den schwer verletzten Lauda zunächst rund zehn Kilometer über die Nordschleife bis zum Start-Ziel-Bereich transportieren müssen. So bleibt dem Österreicher eine rund 40-minütige Fahrt im Krankenwagen erspart. “Dafür hat er sich bei mir bedankt. Das hat er sehr zu schätzen gewusst”, verrät Stuck später in einem Interview mit dem Focus. “Das war schon eine unfassbare Geschichte.”
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Nach der Erstversorgung im Krankenhaus in Adenau zeigt Lauda trotz seiner lebensgefährlichen Verletzungen noch erstaunliche Geistesgegenwart. Er soll einem brasilianischen Radioreporter sogar ein Interview geben und den Rennleiter bitten, seine Frau Marlene zu informieren. Kurz darauf verliert er erneut das Bewusstsein. Erst an den Hubschrauberflug nach Ludwigshafen kann er sich später wieder erinnern. Links neben ihm sitzt ein weiß gekleideter Arzt und hält den Tropf. Lauda will lediglich wissen, wie lange der Flug noch dauern wird – danach setzt seine Erinnerung erneut aus. Rückblickend empfindet er diese massiven Gedächtnislücken aber sogar als Segen.
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Ohne den Zuschauer, der das Feuerdrama von der Böschung aus filmt, hätte Lauda nach eigener Aussage nie erfahren, was an jenem Nachmittag tatsächlich passiert ist. Als er die Aufnahmen zum ersten Mal sieht, fühlt es sich an, als würde dort ein völlig fremder Mann diesen schrecklichen Unfall erleben – und nicht er selbst. Lauda sitzt nur 42 Tage später wieder im Formel-1-Auto Den Unfall bewusst miterlebt zu haben, wäre für ihn weitaus schlimmer gewesen. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum Lauda damals so schnell zur Normalität zurückkehren kann. Schon nach 42 Tagen, also gerade einmal sechs Wochen nach dem Feuerdrama, zwängt sich der Ferrari-Pilot in Monza wieder in sein Formel-1-Auto und wird Vierter.  Getty Images Niki Lauda sitzt kurz nach seinem Feuerunfall wieder im Formel-1-Auto

Zwar räumt er später ein, dass seine Risikobereitschaft in den ersten Rennen nach dem Unfall noch etwas geringer gewesen sei. Doch diese Phase dauert nicht lange. Schon bald fährt der Österreicher wieder mit derselben Entschlossenheit wie vor dem Unfall. Den Weltmeistertitel 1976 verpasst Lauda dennoch.
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Erst das Saisonfinale im japanischen Fuji bringt die Entscheidung. Wegen der extremen Bedingungen und des starken Regens stellt Lauda seinen Ferrari bereits nach wenigen Runden freiwillig ab, während James Hunt mit Rang drei gerade genügend Punkte sammelt, um sich den Titel mit lediglich einem Zähler Vorsprung zu sichern. Doch Lauda schlägt schon ein Jahr später eindrucksvoll zurück. In der Saison 1977 gewinnt er seine zweite Weltmeisterschaft in der Formel 1, 1984 folgt mit McLaren der dritte Titel. Der Nürburgring-Unfall hat seinen Körper gezeichnet, seinen Ehrgeiz jedoch nie gebrochen. Das fehlende Ohr und die Narben in seinem Gesicht bleiben ein Leben lang sichtbar. “Meine damalige Frau fiel in Ohnmacht, als sie mich das erste Mal sah. Also wusste ich, dass es nicht gut ausgesehen haben muss”, erinnert sich Lauda einmal im Interview mit Daily Telegraph.
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Auch für Lauda selbst, der sogar im Koma liegt und nach seiner Verlegung ins Mannheimer Krankenhaus schon die letzte Ölung bekommt, ist der erste Anblick seines Gesichts im Spiegel “schockierend” gewesen. “Als ich älter wurde, verschwanden die Narben nach und nach in den Falten. Man gewöhnt sich daran.” Das rote “Kapperl” als Sinnbild für Laudas Willensstärke Die Kappe, die nach dem Unfall zu seinem Markenzeichen wird, steht bis heute sinnbildlich für seinen unerschütterlichen Willen. “Damit der blutverschmierte Verband nicht verrutschte, wenn ich den Helm abnahm, hat mir mein Physio Willi Dungl die Kappe aufgesetzt”, sagt Lauda vor einigen Jahren zur Bild am Sonntag. Das bewegte Leben des Niki Lauda

Nach dem Ende seiner aktiven Karriere bleibt die Kappe erhalten, nicht nur um Platz für Sponsoren zu schaffen. “Jeder hat gedacht: ‘Was ist jetzt mit dem seinen Kopf passiert?’ Als ich das gemerkt habe, habe ich mir gesagt: ‘Jetzt setzt du immer die Kappe auf.’ So wurde die Kappe mein Schutz gegen diese gemeinen Blicke.”
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Auch für die Formel 1 bleibt der Unfall nicht folgenlos. Die legendäre Nordschleife verschwindet nach dem Deutschland-Grand-Prix 1976 endgültig aus dem Rennkalender, nachdem die Königsklasse dort seit 1951 regelmäßig gastiert hatte. Gleichzeitig rückt das Thema Sicherheit stärker denn je in den Mittelpunkt. In den folgenden Jahrzehnten werden Fahrzeuge, Strecken und Rettungskonzepte kontinuierlich weiterentwickelt – Fortschritte, die unter anderem dazu beitragen, dass Gerhard Berger 1989 in Imola und Romain Grosjean 2020 in Bahrain ihre spektakulären Feuerunfälle nahezu unverletzt überstehen. Meistgelesen in unserem Netzwerk Motorrad
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Für Lauda bleiben die Folgen des Unfalls lebenslang spürbar. Immer wieder kämpft der dreifache Weltmeister mit gesundheitlichen Problemen, die auf die schweren Verletzungen zurückzuführen sind. Im August 2018 erhält er eine lebensrettende Lungentransplantation. Am 20. Mai 2019 stirbt Niki Lauda im Alter von 70 Jahren im Kreise seiner Familie.

 
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