Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Jolyon Palmer

Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Jolyon Palmer

 

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Liebe Leserinnen und Leser,  Getty Images (KI-bearbeitet) Jolyon Palmer sollte über seinen Ratschlag an Ferrari besser nochmal schlafen …

es dauert noch bis zum 1. August, ehe ich wieder Fulltime ins Tagesgeschäft als Formel-1-Journalist zurückkehre. Und so habe ich momentan viel Zeit, mir beim Wandern durch die österreichischen Berge Podcasts anzuhören. Zum Beispiel die offizielle Vorschau der Kollegen von F1 Nation vor dem Grand Prix von Belgien. Mit Experten, die ich mit für die Besten ihres Fachs halte: James Hinchcliffe und Jolyon Palmer. Jolyon Palmer ist vielen Fans vermutlich noch ein Begriff. Er fuhr 2016 und 2017 für Renault in der Formel 1 – 2017 als Teamkollege von Nico Hülkenberg, bis er gegen Saisonende durch Carlos Sainz ersetzt wurde. Und James Hinchcliffe gewann in seiner von 2011 bis 2021 andauernden IndyCar-Karriere immerhin sechs Rennen in der nordamerikanischen Top-Formelserie. Was Palmer und Hinchcliffe vor Spa gesagt haben Zwei Männer also, die sich mit der Materie Motorsport auskennen. Was sie aber vor Spa-Francorchamps an Expertise abgegeben haben, ist zumindest eine inhaltliche Prüfung wert.
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“In der Theorie: Wenn Ferrari eine Chance [auf die WM] haben möchte, dann müssen sie – so sehr ich diese Philosophie hasse – einen Fahrer unterstützen. Und aktuell, mit dem Abstand zwischen Charles und Lewis, muss das Lewis sein”, sagte Hinchcliffe ausgerechnet eine Woche nach Charles Leclercs erstem Saisonsieg in Silverstone. Er führte ein Beispiel an, um seine Logik zu verargumentieren: “Nehmen wir letztes Jahr, Max gegen die beiden McLaren-Fahrer. Die haben sich gegenseitig Punkte weggenommen, was Max geholfen hat. Er hatte aber auch keinen Teamkollegen, der ihm helfen und den McLaren-Fahrern Punkte wegnehmen hätte können.” “Ferrari hat das schon. Sie haben zwei Fahrer, die auf einem sehr hohen Niveau performen. Und wenn sie sich dazu entscheiden, das zu tun, wovon wir wissen, dass Ferrari kein Problem damit hat, und was sie in der Vergangenheit sehr oft getan haben, dann ist das ihre beste Chance [die Fahrer-WM zu gewinnen]. Es ist immer noch unwahrscheinlich, aber es ist ihre beste Chance.” Palmer stimmte dieser Einschätzung ohne Widerspruch zu. Wenn Ferrari mit vollem Fokus nur noch hinter Lewis Hamilton stünde und Leclerc in Silverstone dazu aufgefordert hätte, Hamilton gewinnen zu lassen, “dann wäre Hamilton jetzt in der WM 22 Punkte hinter Antonelli. Er wäre sechs vor George Russell […].” “Und wenn ich Antonelli bin, und Leclerc arbeitet für Hamilton, und Hamilton ist nur noch 22 Punkte hinten, dann […] wären Hamilton und Ferrari die größte Gefahr [für Antonelli]. Ich denke, das macht einen großen Unterschied. Ob Fred [Vasseur] das mit zwei so ambitionierten Fahrern orchestrieren kann, ist eine andere Frage. Es wäre sicher schwierig.”
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Und es wäre, bei allem gebührenden Respekt für die beiden Herren, absoluter Nonsens. Was 2026 mit 1999 zu tun hat – oder auch nicht … Hinchcliffe führte ein Beispiel an, wie für Ferrari eine derart unkonventionelle Entscheidung gegen einen Nummer-1-Fahrer schon mal fast aufgegangen wäre: “Als Schumacher 1999 nach seinem Beinbruch zurückgekommen ist, stellte er sich ganz in den Dienst von Irvine, um zu versuchen, die WM zu gewinnen – und sie hätten es beinahe geschafft.” Der Haken dran ist: Michael Schumacher hatte 1999 auch keine rechnerische Chance mehr, selbst Weltmeister zu werden, als er in Malaysia und Japan als Kurzzeit-Edelhelfer für Eddie Irvine sein Comeback gab. Hätte er die noch gehabt, wäre er nie und nimmer auf die Idee gekommen, die Rolle als Nummer 2 zu akzeptieren. Und der damalige Ferrari-Teamchef Jean Todt hätte ihn nie und nimmer drum gebeten.
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Der Unterschied zur heutigen Situation ist: Damals herrschten bei Ferrari klare Verhältnisse. 1999, weil Schumacher das Schicksal im Weg stand. Es gab nur einen Fahrer, der eine rechnerische Chance hatte, Weltmeister zu werden. Und in den darauffolgenden Jahren konnte Rubens Barrichello dem Deutschen in Sachen Speed und Siegchancen nicht einmal annähernd das Wasser reichen. Die Teamorder war damals schon unpopulär. Aber nach 21 Jahren, in denen Ferraris Hunger, endlich wieder einen Titel zu gewinnen und dabei nichts dem Zufall zu überlassen, immer größer wurde, zumindest irgendwie nachvollziehbar. Es ist viel zu früh für eine Stallorder! Das ist 27 Jahre später anders. Irvine/Barrichello und Schumacher spielten nie in der gleichen Liga. Leclerc und Hamilton hingegen sind zwei Fahrer auf Augenhöhe, und ihre erste gemeinsame Saison 2025, in der Leclerc mit 242:156 Punkten das bessere Ende für sich hatte, liefert objektiv betrachtet wenig Hinweise darauf, dass Ferrari jetzt ausgerechnet Leclerc den brutalen Call zumuten sollte, sich selbst aufzugeben und nur noch für Hamilton zu fahren.
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Schon gar nicht nach nur acht von (mindestens) 22 Grands Prix, wie Hinchcliffe und Palmer das vorgeschlagen haben. Stimmt schon, Leclerc hatte nach dem Grand Prix von Österreich 46 Punkte Rückstand auf Hamilton. Klingt nach viel. Aber schlägt man das mal auf das alte Punktesystem zu Schumachers Zeiten um, als es für einen Sieg noch zehn Zähler gab, wären das gerade mal 18 Punkte. Und das war vor aufgeblähten Rennkalendern und zusätzlichen F1-Sprints. Leclerc ist unverdächtig, plötzlich das Rennfahren verlernt zu haben. Sicherlich ist es Hamilton über den Winter und mit den neuen Autos gelungen, seinen Speed-Rückstand aus der vergangenen Saison einigermaßen zu eliminieren. Aber zumindest ich kann noch keinen eindeutigen Trend erkennen, der vermuten lassen würde, dass er eindeutig der Ferrari-Fahrer ist, der Leclerc nach der Sommerpause locker im Griff haben wird. Man stelle sich für einen Moment vor, Fred Vasseur würde sich wirklich dafür entscheiden, Leclerc zur Nummer 2 zu degradieren und ganz in Hamiltons Dienst zu stellen, und jedes Mal die Plätze zu tauschen, wenn Hamilton direkt hinter Leclerc liegt. Beim ersten Mal wäre das gerade noch vertretbar. Beim zweiten oder dritten Mal wäre der Aufschrei riesig, und Gazzetta & Co. würden mit Recht anprangern, ob die in Maranello eigentlich noch alle Tassen im Schrank haben.
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Und wenn wir Silverstone und Spa als Maßstab nehmen, glaube ich: Die Wahrscheinlichkeit, dass Leclerc 2026 noch ein paar Mal vor Hamilton liegen wird, ist hoch. Du kannst nicht allen Ernstes Leclercs Vertrag bis Ende 2028 verlängern, ihn damit inoffiziell zur Zukunft der Scuderia erklären – und ihm dann vermitteln, dass er jetzt erstmal nur noch Wasserträger ist. Gerade für den sensiblen Monegassen wäre das ein Nackenschlag, von dem er sich nicht mehr erholen würde. Und sein Verhältnis zum Teammanagement auch nicht. Gleichzeitig vermute ich, dass Hamilton nicht einmal auf die Idee kommen würde, so eine Strategie einzufordern. Er ist mit der Weisheit von 41 Lebensjahren ausgestattet, und als einer der größten Champions der Motorsportgeschichte hat er es nicht nötig, sich den bedingungslosen Support seines Teamkollegen zu erbetteln. Selbst wenn das gutgehen würde (was es nicht würde), wäre das ein WM-Titel, der für immer mit einem Schatten behaftet wäre. Ein Schandfleck auf seiner weißen Weste als großer Sportsmann und echter Sir. “Ein Drink mit Eddie Irvine” über Magny-Cours 1999 Zumal das angeführte 1999er-Beispiel einen schweren Logikfehler in sich trägt. Denn Ferrari sprach damals schon im siebten Saisonrennen in Magny-Cours die Order aus, dass Irvine nicht vor Schumacher ins Ziel kommen darf, und opferte somit via Stallorder einen WM-Punkt für den Nordiren. “Mir wurde gesagt, ich soll hinter Michael bleiben”, obwohl ihm dessen Tempo “sehr langsam” vorkam, sagte Irvine vor ein paar Jahren im Rahmen einer Videoserie auf dem YouTube-Kanal von . Und: “Letztendlich hat mich das die WM gekostet.” Video wird geladen…  

Denn: Schumacher brach sich beim nächsten Rennen in Silverstone das Bein und war aus dem WM-Kampf draußen. Irvine hingegen kam mit vier Punkten Vorsprung auf Mika Häkkinen zum letzten Saisonrennen in Suzuka. Dort gewann Häkkinen souverän, Irvine wurde hinter dem kurz zuvor zurückgekehrten Schumacher Dritter.
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Hätte Schumacher ihn durchgelassen, wäre Irvine trotzdem nur Vizeweltmeister geworden – bei Punktegleichheit aufgrund der niedrigeren Anzahl an Siegen. Aber: Mit dem zusätzlichen Punkt von Magny-Cours hätte eine Stallorder pro Irvine in Suzuka gereicht, um die im Nachhinein betrachtet viel zu früh festgelegte Nummer 2 zum Weltmeister zu machen.
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Irvine und nicht Schumacher als erster Ferrari-Weltmeister seit Jody Scheckter, das wäre ohnehin ein Fehler in der Geschichte gewesen. Aber es zeigt, dass der Schuss, sich zu früh auf eine Nummer 1 festzulegen, auch mächtig nach hinten losgehen kann. Zumal sich Ferrari mit einer klaren Pro-Hamilton-Strategie zweifellos einem weltweiten Shitstorm aussetzen würde. 2026 kann noch so viel passieren … Dazu kommt: Die Formel 1 2026, mit ihren brandneuen Autos und den nicht ausgereiften Powerunits, ist noch ziemlich volatil. Fahrer wie Leclerc, die anfangs vielleicht ein paar Anlaufschwierigkeiten hatten, könnten den Dreh rauskriegen, je länger die Saison dauert. Und ob der (ohnehin auf ziemlich wackeligen Beinen stehende) Eindruck, dass Hamilton ihn im Griff hat, das ganze Jahr überdauern wird, sei dahingestellt. Ich bin sicher, dass Fred Vasseur nicht einmal auf die Idee kommen würde, so früh in der Saison, wenn noch 316 WM-Punkte zu vergeben sind, dem Ratschlag von Hinchcliffe und Palmer zu folgen. Dass Hamilton das nicht wollen und Leclerc das nicht akzeptieren würde. Und, vor allem, dass es am Ende eh keinen Unterschied machen wird. Abgerechnet wird zum Schluss, Hamilton liegt nur 33 Punkte vor Leclerc, und es ist noch lange nicht in Stein gemeißelt, dass er die Saison als besser platzierter Ferrari-Fahrer abschließen wird.
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Ich höre mir den Podcast trotzdem auch in Zukunft gern an. Jolyon Palmer ist einer der kompetentesten Experten im Fahrerlager der Formel 1. Ihm fallen Details auf, die anderen nicht auffallen. Und er ist intelligent genug, auch komplexeste Zusammenhänge in einem komplexen Sport zu verstehen und den Fans zu erklären. Auch wenn er in der letzten Ausgabe des Podcasts ausnahmsweise mal Unsinn geredet hat und vielleicht nochmal drüber schlafen sollte. Euer
Christian Nimmervoll Meistgelesen in unserem Netzwerk Formelsport
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Hinweis: Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Kolumne meine subjektive Wahrnehmung abbildet. Wer anderer Meinung ist, kann das gern mit mir ausdiskutieren, und zwar auf meiner Facebook-Seite “Formel 1 inside mit Christian Nimmervoll”. Dort gibt’s nicht in erster Linie “breaking News” aus dem Grand-Prix-Zirkus, sondern vor allem streng subjektive und manchmal durchaus bissige Einordnungen der wichtigsten Entwicklungen hinter den Kulissen der Formel 1.

 
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