Arvid Lindblad: Für mich gab es nie einen Plan B!
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Es gibt Gespräche, die im Gedächtnis bleiben. Sie erinnern einen daran, dass man selbst in der heutigen Formel 1 noch man selbst sein kann – dass man offen sprechen kann, ganz ohne Filter, einstudierten Antworten oder mediengeschulten Phrasen. LAT Images Arvid Lindblad ist der einzige Rookie der diesjährigen Formel-1-Saison
Dass dieses Interview ausgerechnet mit dem derzeit jüngsten Fahrer im Formel-1-Feld geführt wurde, macht es nur noch bemerkenswerter. Arvid Lindblad feiert am morgigen Samstag seinen 19. Geburtstag und spricht exklusiv mit Motorsport.com Italien, einem Schwesterportal von im Motorsport Network, über seine Geschichte. Hinter dem Rennfahrer steckt bereits ein junger Mann von erstaunlicher Reife. Mit gerade einmal 18 Jahren tritt er mit einer ungewöhnlichen Gelassenheit auf. Unter Helm, Handschuhen und Rennanzug verbirgt sich eine Geschichte voller Entbehrungen, Entschlossenheit und eine außergewöhnliche Selbstreflexion, die in jeder einzelnen Antwort spürbar wird.
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Vor drei Jahren, während des Großen Preises von Belgien 2023, saß Helmut Marko bei einem Kaffee in der Red-Bull-Hospitality, als das Gespräch auf das Nachwuchsprogramm des Teams kam. Lindblads Name fiel – obwohl er bis dahin noch keinen einzigen Titel im Formelsport gewonnen hatte. “In drei Jahren fährt er in der Formel 1”, erklärte Marko damals. Am 2. Dezember letzten Jahres bestätigten die Racing Bulls genau das und kündigten Lindblad als einen ihrer Stammfahrer für die Formel-1-Saison 2026 an. “Warum er so überzeugt war?”, erinnert sich Lindblad heute. “Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Ich glaube, vieles hing mit meiner Einstellung zusammen. Ich kam Ende 2020 ins Red-Bull-Juniorteam. Ich war 12 oder 13, als ich Helmut das erste Mal traf. Mein Vater begleitete mich, aber während des gesamten Treffens redeten im Grunde nur Helmut und ich.” “Mein Vater erzählte mir später, dass Helmut vor allem davon beeindruckt war, einen kleinen Jungen zu sehen, der schon genau wusste, was er wollte, und sich vollkommen darauf konzentrierte, es auch zu erreichen.” Formel 1 als einziger Plan Frage: “Fangen wir dort an. Viele Fahrer beschreiben die Formel 1 als Kindheitstraum. Sie haben sie immer als konkretes Ziel bezeichnet. Sie waren noch ein Kind, als Sie Ihrer Mutter sagten: ‘Ich gehe nicht an die Uni. Ich werde Formel-1-Fahrer.’ Wann kam diese Gewissheit zum ersten Mal auf?” Arvid Lindblad: “Es war schlichtweg das, was ich tun wollte. Seit ich denken kann, war mein Ziel die Formel 1. Aber es ging nicht nur darum, es irgendwie dorthin zu schaffen. Selbst als sechs- oder siebenjähriger Knirps träumte ich nicht nur davon, in der Formel 1 mitzufahren – ich wollte konkurrenzfähig sein. Ich wollte um Siege kämpfen.”
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“Ich kann gar nicht richtig erklären, warum ich anders tickte als andere Kinder. Mein Kopf funktionierte einfach so. Natürlich habe ich auch andere Sportarten ausprobiert. Ich habe in der Schule Fußball gespielt, ich war schwimmen wie jeder andere auch. Aber ich habe nicht ein einziges Mal gedacht, dass irgendetwas davon meine Zukunft werden könnte.” “Für mich gab es nur die Formel 1.” Die Formel-1-Rookies der vergangenen 22 Jahre
Frage: “Gab es, als Sie in den Nachwuchsklassen anfingen, jemals einen Moment, in dem Sie ernsthaft über einen Plan B nachgedacht haben?” Lindblad: “Nein. Niemals. In meinem Kopf hat Plan A einfach immer funktioniert. Selbst als ich fünf oder sechs Jahre alt war, konnte ich mir schlicht keine Zukunft vorstellen, in der ich kein Formel-1-Fahrer bin.”
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“Das war in meinem Kopf nicht einmal eine Option. Vielleicht habe ich mich deshalb auch nie von Erwartungen erdrücken lassen. Viele Menschen haben Angst vor so enormen Zielen. Ich hatte sie ehrlich gesagt nie.” Welche Rolle Formel-E-Meister Rowland spielte Frage: “Wenn Sie zurückblicken: Gibt es eine Person – abgesehen von Ihrer Familie -, die für Ihre Karriere den größten Unterschied gemacht hat?”
“Oliver Rowland, ohne jeden Zweifel. Er ist wahrscheinlich der Mensch, der mir mehr geholfen hat als jeder andere. Ich habe ihn kennengelernt, als ich sieben war. Anstelle von echtem Coaching absolvierten wir anfangs nur ein paar gemeinsame Kart-Testtage, aber unsere Beziehung ist immer weiter gewachsen.” “Nachdem ich die britische Kart-Meisterschaft gewonnen hatte, begannen wir viel enger zusammenzuarbeiten. Er hat mir unglaublich viel beigebracht – nicht nur als Fahrer, sondern auch als Mensch. Ich glaube aufrichtig, dass meine Karriere ohne Oliver ganz anders verlaufen wäre.”
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“Natürlich muss ich auch Helmut Marko erwähnen. Er hat mir eine riesige Chance gegeben. Er hat an mich geglaubt, selbst als andere es nicht taten. Dass ich heute hier bin, verdanke ich zu einem großen Teil ihm. Ich werde ihm immer dankbar sein.” “Das sind die zwei Personen, die den größten Einfluss auf meinen Weg hatten.” Sutton Images Formel-E-Meister Oliver Rowland unterstützt Lindblad in dessen Karriere
Frage: “Wie erleben Sie diesen aktuellen Lebensabschnitt? Entspricht er Ihren Vorstellungen?” Lindblad: “Alles ist komplett anders als in den Jahren zuvor. Mein Leben hat sich stark verändert, aber ich genieße es. In der Formel 1 zu fahren ist genau das, wovon ich seit meiner Kindheit geträumt habe. Deshalb versuche ich, jeden Moment auszukosten und wirklich wertzuschätzen, was mir gerade passiert.”
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“Ich bin jemand, der sich recht schnell an neue Situationen anpasst, also nehme ich die Dinge meistens so, wie sie kommen. Aber ab und zu halte ich inne und rufe mir in Erinnerung, dass ich jahrelang nichts anderes wollte, als genau in diesem Fahrerlager zu sein und diese Autos zu fahren. Und genau deshalb genieße ich jeden einzelnen Augenblick.” Ist das Red-Bull-Juniorteam wirklich so hart? Frage: “Sie haben das gesamte Nachwuchsprogramm von Red Bull durchlaufen. Ein Insider sagte mir einmal, Sie seien die perfekte Besetzung für dieses System gewesen. Wie begann Ihre Reise dort?” Lindblad: “Alles begann im Kartsport. Helmut hatte viele Kontakte im Fahrerlager und erkundigte sich regelmäßig nach den vielversprechendsten Talenten. Irgendwann fiel mein Name wohl immer öfter.” “Ich weiß noch genau, wann sich alles veränderte. Mein Vater und ich waren in Portimao, um uns auf die Kart-Weltmeisterschaft vorzubereiten. Wir saßen gerade beim Frühstück, als er einen Anruf aus Graz bekam. Er nahm ab, und als er auflegte, sagte er mir, dass Helmut Marko uns treffen wolle, um über einen Vertrag zu sprechen.”
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“Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Moment. Wir trafen uns am Sonntagmorgen des Großen Preises von Portugal 2020, bevor er an die Rennstrecke fuhr. Ich weiß gar nicht mehr, ob wir die Vereinbarung direkt an diesem Tag unterschrieben haben, aber er sagte uns damals, dass wir ab sofort Teil des Programms sein würden. Dort hat wirklich alles begonnen.” Red-Bull-Junioren in der Formel 1
Frage: “Das Red-Bull-Programm gilt als knallhart: Wer nicht liefert, fliegt raus. Haben Sie das auch so empfunden?” Lindblad: “Ich weiß, dass das von außen so wahrgenommen wird, aber ich habe es nie so empfunden. Für mich war es schlichtweg eine riesige Chance. Ich dachte mir: ‘Diese Leute glauben an mich. Sie helfen mir, in die Formel 1 zu kommen.'” “Ich habe diesen viel besagten Druck nie gespürt, weil es für mich im Kopf ganz einfach war: Wenn ich nicht schnell genug bin, bin ich enttäuscht von mir selbst. Das wäre nicht Red Bulls Schuld – es würde einfach bedeuten, dass ich nicht gut genug war.”
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“Ich habe mich also nie wirklich unter Druck gesetzt gefühlt. Als ich den Red-Bull-Helm zum ersten Mal sah, dachte ich nur: ‘Wow, sieht das cool aus.’ Das war’s.” “Das Gleiche gilt jetzt für die Formel 1. Bevor ich hier ankam, warnten mich alle, der Druck würde enorm sein. Ich bin sicher, irgendwann kommt noch ein Moment, in dem ich ihn spüren werde, aber bisher war das ehrlich gesagt nicht der Fall.” “Hier zu sein ist genau das, was ich seit meinem fünften Lebensjahr will. Ich habe mein ganzes Leben darauf hingearbeitet. Ich bin jedem dankbar, der mir geholfen hat, aber am Ende des Tages ist das mein Traum. Ich lebe ihn für mich selbst. Warum sollte ich mir also Druck machen?” Diese Erinnerung war bislang die beste Frage: “Was war die stärkste Emotion, die Sie im Motorsport bisher erlebt haben?” Lindblad: “Es gibt zwei Momente, die herausstechen. Der erste war definitiv Silverstone in der Formel 3 letztes Jahr, als ich beide Rennen gewinnen konnte. Es war eigentlich ein extrem merkwürdiges Wochenende, weil alles schiefgegangen war.”
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“Wir hatten als Team im Qualifying einen Fehler gemacht und sind zu früh rausgefahren. Die Strecke trocknete immer weiter ab und wurde schneller, während ich einer der ersten Fahrer auf einer fliegenden Runde war. Die Runde selbst war gut, aber das Timing völlig falsch. Ich landete auf Platz elf und weiß noch, wie wütend ich war.” “Bis dahin hatte ich immer ganz vorne mitgekämpft. Klar bedeutete Platz elf die Poleposition für das Sprintrennen mit umgekehrter Startaufstellung, aber das war mir ehrlich gesagt völlig egal. Was für mich zählte, war das Hauptrennen am Sonntag.”
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“Ich gewann zwar am Samstag, aber von der Pole aus war das ein recht unkompliziertes Rennen. Für Sonntag sprach ich vor dem Start mit Oliver Rowland und wir waren uns einig, dass ein fünfter oder sechster Platz unter diesen Umständen schon ein hervorragendes Ergebnis wäre.” “Dann kam der Regen. Das Rennen wurde zum absoluten Chaos – und irgendwie habe ich am Ende gewonnen. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass mich die Emotionen so überrollt haben, dass ich fast die Beherrschung verlor. Ich habe über den Funk nur noch geschrien. Ich konnte einfach nicht fassen, was da gerade passiert war.” “Ich war einfach unbeschreiblich glücklich. Das Gefühl war besser als alles, was ich mir je ausgemalt hatte. Normalerweise reicht die Realität nie an deine Träume heran, aber an diesem Tag hat sie sie tatsächlich übertroffen. Das hätte ich mir nicht einmal erträumen können.” Die 20 letzten Formel-1-Debütanten in den Punkten
Frage: “Und der zweite Moment?” Lindblad: “Das Formel-3-Sprintrennen in Bahrain. Dieser Sieg hat mir eine enorme Last von den Schultern genommen.”
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“Der direkte Wechsel von der Formel 4 in die Formel 3 galt eigentlich als nahezu unmöglich. Niemand hatte bis dahin nur eine einzige F4-Saison absolviert und war danach in der F3 auf Anhieb vorne mitgefahren. Es war wahrscheinlich der größte Schritt meiner gesamten Karriere.” Frage: “Sogar größer als der Schritt von der Formel 2 in die Formel 1?” Lindblad: “Ja, wahrscheinlich schon. Ich wusste, dass diese Saison richtungsweisend für meine Karriere sein würde. Wenn ich gut fahre, sagen die Leute, ich sei ein besonderes Talent. Wenn nicht, müsste ich meine Erwartungen wohl gewaltig herunterschrauben.”
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“Nach dem enttäuschenden Ende meiner Formel-4-Saison hatte ich große Zweifel an mir selbst. Gleich bei der allerersten Gelegenheit zu gewinnen, hat diesen gesamten Druck auf einen Schlag verpuffen lassen.” Frage: “Sie haben die Formel 1 bei Ihren emotionalsten Momenten gar nicht erwähnt …” Lindblad: “Diese Momente werden noch kommen. Aber es gab ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde: Es war diesen März in Melbourne, beim Saisonauftakt. Bis dahin hatte ich noch gar nicht richtig begriffen, dass ich jetzt wirklich Formel-1-Fahrer bin. Ich wusste es zwar rational, aber es war noch nicht in meinem Herzen angekommen.” “Das erste Mal richtig getroffen hat es mich in der Startaufstellung. Nach der Nationalhymne ging ich zurück zum Auto. Ich hatte mich als Neunter qualifiziert und wollte gerade meinen Helm aufsetzen, als Oliver Rowland mich umarmte und mir etwas sehr Einfaches sagte: ‘All die Jahre harter Arbeit waren genau für diesen einen Moment.'”
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“Da ist etwas in mir passiert, das ich noch nie zuvor gespürt hatte. Für ein oder zwei Sekunden zog mein ganzes Leben wie ein Film an mir vorbei. Ich sah mich als Siebenjährigen. Dann als Achtjährigen. Ich erinnerte mich daran, wie ich von der Formel 1 geträumt hatte. Ich sah jeden schwierigen Moment vor mir, jedes Jahr, in dem ich mich fragte, ob ich es jemals schaffen würde.” “Ich fing an zu weinen. Ich verdrückte es mir fast sofort wieder, weil ich schließlich ein Rennen zu fahren hatte, aber diese Emotion war völlig anders als alles, was ich je zuvor gefühlt hatte.” “In diesem Moment wurde mir schlagartig klar: ‘Ich habe es geschafft. Ich bin Formel-1-Fahrer.'”
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Frage: “Es geht eben nicht nur um Pokale oder Ergebnisse. Es steckt eine tief persönliche Reise dahinter.” Lindblad: “Exakt. Was Oliver sagte – ‘all die Jahre harter Arbeit waren für diesen Moment’ – hat es perfekt auf den Punkt gebracht.” “Es stand stellvertretend für 13 Jahre meines Lebens. Für all die schwierigen Momente, die vielen Male, in denen ich ans Aufgeben dachte oder an mir zweifelte.” “Es ist schwer in Worte zu fassen, wie sich das angefühlt hat. Aber ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass ich jemals wieder ein so einfahrendes Gefühl erleben werde.” Frage: “Glauben Sie, dass es so etwas wie die perfekte Runde gibt?” Lindblad: “Das ist eine interessante Frage.”
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“Als ich jünger war, war ich überzeugt, dass es die perfekte Runde gar nicht gibt. Sie war für mich ein unerreichbares Ideal – man konnte nur versuchen, ihr so nahe wie möglich zu kommen.” “Heute sehe ich das etwas anders. Ich glaube, es gibt extrem seltene Momente, in denen man in der Lage ist, über seine eigenen Grenzen hinauszuwachsen.”
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“Ich stelle mir vor, dass so etwas passiert, wenn man um eine Weltmeisterschaft oder um etwas wirklich Großes fährt. In solchen Augenblicken kann ein Fahrer in einen völlig veränderten mentalen Zustand geraten. Es ist fast so, als würde jemand auf deiner Schulter sitzen und dir helfen.” “Du denkst nicht mehr bewusst nach. Alles läuft automatisch. Du fährst rein instinktiv – und plötzlich zauberst du eine Runde hin, die sich selbst für dich nicht real anfühlt.” “Ich glaube nicht, dass man das erzwingen kann. Wenn man es krampfhaft versucht, passiert es erst recht nicht. Es muss ganz von alleine kommen. Und wahrscheinlich erlebt man das nur ein- oder zweimal in einer ganzen Karriere.”
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“Ironischerweise passiert es oft genau dann, wenn man durch eine schwere Phase geht – wenn man unter Druck steht, wenn man zu kämpfen hat und das gewisse Etwas braucht. Manchmal wächst man genau dann über sich hinaus.” Warum Lindblad nicht in Monaco wohnen möchte Frage: “Sie haben mehrfach betont, dass Sie nicht vorhaben, nach Monaco zu ziehen. Warum eigentlich?” Lindblad: “Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe.” “Der erste ist ganz einfach: Die Formel-1-Saison ist so durchgetaktet und intensiv, dass ich in meiner Freizeit wirklich komplett vom Rennsport abschalten möchte. Monaco ist Formel 1, selbst wenn man gar nicht an der Rennstrecke ist. Die Fahrer sind da, die Teams sind da, alle reden ununterbrochen über Motorsport. In so einem Umfeld möchte ich nicht wohnen.”
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“Ich lebe lieber irgendwo am Meer, wo es ruhig ist und mich niemand kennt. Wo ich ins Kino gehen, spazieren, Freunde treffen oder einfach wie jeder andere junge Kerl leben kann. Das ist mir extrem wichtig.” “Seit meiner Kindheit unterscheidet sich mein Leben komplett von dem meiner Freunde. Wenn ich an der Rennstrecke bin, bin ich durch und durch Formel-1-Fahrer. Aber wenn ich nach Hause komme, möchte ich einfach nur ein ganz normaler 18-Jähriger sein. Ich will ein ganz normales Leben.” “Und genau das habe ich dort, wo ich jetzt wohne.” Zwischenzeugnisse: Die besten Formel-1-Fahrer zur Sommerpause
Frage: “Und der zweite Grund?” Lindblad: “Der hat mit meiner Familie zu tun. Ich komme aus einer Familie, die sich alles, was sie besitzt, extrem hart erarbeiten musste. Mein Vater ist in seiner Jugend ein wenig Rennen gefahren, aber ganz sicher nicht, weil wir im Geld schwammen. Ganz im Gegenteil.”
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“Meine Großeltern hatten nichts. Es gab Zeiten, da musste mein Vater darum kämpfen, überhaupt drei Mahlzeiten am Tag zu bekommen. Mit elf oder zwölf Jahren hat er bereits gearbeitet.” “Auch die Familie meiner Mutter hat eine erstaunliche Geschichte. Meine Großeltern stammten aus Pakistan und haben irgendwann alles verloren. Buchstäblich alles. Über Nacht standen sie mit nichts da außer den Kleidern an ihrem Leib und dem, was sie tragen konnten.”
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“Sie kamen nach Großbritannien und mussten sich ihr Leben komplett neu aufbauen. Sie haben schuftend als Ärzte gearbeitet, um ihren Kindern eine Zukunft zu ermöglichen.” “Ich bin also unter Menschen aufgewachsen, die sich jeden einzelnen Cent hart erarbeiten mussten. Ich glaube, das ist einer der Hauptgründe, warum ich schon immer diesen extremen Ehrgeiz hatte. Ich kenne es gar nicht anders.” “Mich mit einem Durchschnittsleben zufriedenzugeben war für mich nie eine Option. Ich wollte schon immer etwas Außergewöhnliches schaffen.”
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Frage: “Und das erklärt auch, warum Sie Monaco meiden?” Lindblad: “Genau. Ich kenne viele Leute, die dort wohnen und mir erzählen, dass man dort am Ende ein ganz normales Leben führen kann. Aber in meinem Kopf sträubt sich einfach etwas dagegen, an einen Ort zu ziehen, der wie kein anderer für puren Prunk und Wohlstand steht.” “Wenn ich daran denke, dass mein Vater als Kind kaum genug zu essen hatte und meine Großeltern alles verloren haben, fühlt sich der Gedanke für mich persönlich einfach falsch an.” “Das ist mein ganz eigenes Gefühl. Ich sage nicht, dass Monaco schlecht ist. Es ist einfach so, dass ich mich zum jetzigen Zeitpunkt mit diesem Gedanken nicht wohlfühle.”
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“Klar bin ich trotzdem ein normaler Typ. Ich kaufe mir auch gerne mal was Schönes. Vielleicht bin ich da in gewisser Weise ein bisschen widersprüchlich. Aber so sehe ich die Dinge heute nun mal.” Von Führerschein und Zukunftsvision Frage: “Stimmt es eigentlich, dass Sie immer noch keinen Führerschein haben?” Lindblad: “Ja, das stimmt tatsächlich!” (lacht; Anm. d. Red.) “Ich war schlichtweg so beschäftigt, dass ich nie die Zeit dafür gefunden habe. Und um ehrlich zu sein: Ein Teil von mir fand den Gedanken auch irgendwie witzig, es bis in die Formel 1 zu schaffen, ohne überhaupt eine Fahrerlaubnis zu besitzen. Das war eine amüsante Anekdote.”
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“Aber langsam wird es echt zum Problem. Meine Mutter muss mich immer noch fahren oder ich muss mir ein Uber rufen. Bis vor Kurzem brauchte ich schlicht keinen Führerschein. Mein Alltag war so organisiert, dass es auch ohne ging.” “Jetzt habe ich allerdings ein geniales Trainingszentrum aufgetan – mit Fitnessstudio, Pool, Leichtathletikbahn und allem, was das Herz begehrt. Einziger Haken: Es liegt etwa 20 Minuten von meinem Zuhause entfernt. Ich kann schlecht meinen Vater ständig einspannen, mich hin- und herzukutschieren.” “Also bin ich jetzt endlich dabei, den Führerschein zu machen. Der Unterschied zu früher ist: Jetzt brauche ich ihn zum ersten Mal wirklich. Also ziehe ich das jetzt auch durch.”
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Frage: “Sie sind 18 Jahre alt und bereits Formel-1-Fahrer. Welches Verhältnis haben Sie zu Geld? Ist es für Sie ein Symbol für Erfolg, Unabhängigkeit – oder etwas, worüber Sie schlicht nicht nachdenken?” Lindblad: “Ehrlich gesagt verschwende ich daran kaum einen Gedanken. Mein Ansatz ist da ganz einfach: Ich stecke mir sportliche Ziele. Wenn ich diese Ziele erreiche, kommt das Geld ganz von alleine hinterher. Warum sollte ich mir also den Kopf darüber zerbrechen?” “Was mich viel mehr reizt, ist der Aufbau meiner eigenen Marke. Damit meine ich nicht nur mein öffentliches Image, sondern wie ich mir auch abseits der Rennstrecke ein Standbein aufbauen kann.” “Ich mag Mode. Ich mag Musik. Mich fasziniert die Frage, mit welchen Marken ich mich identifizieren kann, welche Partnerschaften wirklich Sinn ergeben und wie ich mich auch in diesem Bereich weiterentwickeln kann.”
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“Über so etwas mache ich mir Gedanken. Nicht, um noch mehr Geld anzuhäufen, sondern weil ich die Dinge professionell angehen und etwas Nachhaltiges aufbauen möchte.” F1-Fahrer, die bei Toro Rosso, AlphaTauri & Racing Bulls ihr Debüt gefeiert haben
Frage: “Gibt es noch etwas, von dem Sie träumen – außerhalb der Formel 1?” Lindblad: “Es gibt etwas, das mich extrem fasziniert, wenn ich mir Max Verstappen anschaue: Ich finde es stark, dass er nicht einfach nur die Formel 1 liebt – er liebt den Rennsport an sich. Das ist ein gewaltiger Unterschied.” “Deshalb hat er sein eigenes GT-Team gegründet, deshalb will er unbedingt bei den 24 Stunden von Le Mans fahren und deshalb blickt er ständig über den Tellerrand der Formel 1 hinaus.”
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“Wenn ich über meine eigene Zukunft nachdenke, merke ich, dass ich da ganz ähnlich ticke. Natürlich wünsche ich mir eine lange Formel-1-Karriere. Ich würde hier gerne zehn oder 15 Jahre fahren.” “Aber wenn dieses Kapitel irgendwann abgeschlossen ist, möchte ich unbedingt noch ganz andere Erfahrungen sammeln. Ich würde wahnsinnig gerne für ein paar Jahre in der IndyCar-Serie starten. Ich würde unglaublich gerne die australische Supercars-Meisterschaft ausprobieren und andere Facetten des Motorsports erkunden, die mich reizen.” Meistgelesen in unserem Netzwerk Motorrad
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