Datenanalyse: Warum Lewis Hamilton auch ohne VSC gewonnen hätte
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War der Premierensieg von Lewis Hamilton im Ferrari reines Glück? Wohl kaum. Zwar profitierte der siebenmalige Formel-1-Weltmeister spät im Rennen von einer virtuellen Safety-Car-Phase (VSC), die ihm einen extrem zeitgünstigen dritten Boxenstopp bescherte. Die Daten zeigen jedoch: Hamilton hätte den Großen Preis von Barcelona-Catalunya höchstwahrscheinlich auch ohne Fernando Alonsos Ausfall gewonnen. Getty Images Europe Lewis Hamilton kam durch das virtuelle Safety-Car nach seinem Stopp vor Mercedes auf die Strecke
Doch von vorn – schließlich gelang Ferrari in Barcelona eine absolute strategische Meisterleistung. Der ursprüngliche Plan sah wohl vor, direkt beim Start die Führung zu übernehmen. Dank des traditionell starken Ferrari-Starts und der weichen Reifen hatte Hamilton trotz des schmutzigeren zweiten Startplatzes beste Chancen, als Führender in Kurve eins einzubiegen. Dieser Plan ging zwar nicht ganz auf und Hamilton blieb Zweiter, doch Ferrari reagierte prompt: Mit einer aggressiven Dreistoppstrategie setzten die Italiener den führenden George Russell im Mercedes massiv unter Druck – mit Erfolg. Wie Ferrari Mercedes austrickste Trotz seiner Führung befand sich Russell in einer strategischen Zwickmühle. In Runde 27 lagen die ersten vier Piloten innerhalb von nur rund fünf Sekunden. Damit lief fast jeder Fahrer Gefahr, vom jeweiligen Hintermann per Undercut überholt zu werden. Die einzige Ausnahme: das Schlusslicht des Quartetts, Lando Norris.
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Für die eigentlich geplante Zweistoppstrategie war ein Reifenwechsel zu diesem Zeitpunkt – bei noch fast 40 zu fahrenden Runden – jedoch viel zu früh. Hätte Mercedes Ferrari zuvorkommen, Hamiltons Undercut blockieren und selbst auf drei Stopps gehen sollen? Vielleicht. Doch in diesem Fall hätte Ferrari mit Sicherheit reagiert, die Taktik geändert und auf zwei Stopps gesetzt. Lewis Hamilton hätte auch ohne VSC gewonnen! Video wird geladen… Nach dem Großen Preis von Barcelona-Catalunya analysiert Datenexperte Kevin Hermann die wichtigsten Zahlen des Rennwochenendes.
So setzte Hamilton am Ende von Runde 27 das entscheidende Signal, bog in die Boxengasse ab und wechselte von den harten Reifen auf die Mediums. Damit war Ferraris Dreistopproute besiegelt. Mercedes konnte aufgrund der engen Abstände nicht mehr reagieren. Durch den enormen Reifenverschleiß und das daraus resultierende Reifendelta war ein Undercut in der ersten Runde bis zu drei Sekunden wert. Hätte Mercedes Russell nur eine Runde später reingeholt, wäre Hamilton bereits vorbeigewesen. Die Silberpfeile mussten folglich auf der Zweistoppstrategie beharrren – das Dreistopp-Duell gegen Ferrari war verloren. Zudem lauerte von hinten Lando Norris, den Mercedes ebenfalls covern musste. Kurz vor VSC: Hamilton mit Sensations-Pace Im weiteren Rennverlauf flog Hamilton dank frischer Reifen und aggressivem Push förmlich an die beiden Mercedes heran. In den ersten Runden nach seinem zweiten Stopp holte er 2,5 Sekunden pro Runde auf, gegen Ende des Stints waren es immer noch 1,5 Sekunden. Als Mercedes schließlich zum planmäßigen zweiten Service abbog, hätte sich das Blatt theoretisch wenden müssen. Der Reifenverschleiß über das gesamte Feld hinweg betrug laut Daten 0,157 Sekunden pro Runde. Nach seinem Stopp in Runde 36 hätte George Russell hochgerechnet rund 1,5 Sekunden pro Umlauf schneller sein müssen als Hamilton auf seinen mittlerweile angefahrenen Mediums.
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Tatsächlich aber konnte Russell vor dem VSC trotz frischer Pneus nur sieben Zehntel pro Runde auf den Ferrari gutmachen. Spätestens jetzt war klar: Ferraris Dreistoppplan könnte im Finale voll aufgehen. Hat das Russell-Antonelli-Duell Mercedes den Sieg gekostet? Als in Runde 41 das virtuelle Safety-Car ausgerufen wurde, ergriff Ferrari die Chance beim Schopf. Statt des üblichen Boxenstopp-Zeitverlusts von 23 Sekunden in Barcelona verliert man während einer Neutralisierung beim Reifenwechsel nur etwa 13 Sekunden. Da Hamilton zu diesem Zeitpunkt 16 Sekunden vor Russell lag, war der geschenkte Stopp ein absoluter No-Brainer für die Scuderia. Doch zu diesem Szenario wäre es womöglich gar nicht erst gekommen, hätten sich George Russell und Andrea Kimi Antonelli zuvor nicht auf der Strecke bekämpft. “Wir haben durch das Duell wahrscheinlich fünf oder sechs Sekunden verloren”, bilanzierte Mercedes-Teamchef Toto Wolff nach dem Rennen bei Sky. Video wird geladen…
Die Logik dahinter: Ohne diesen Zeitverlust wäre Hamilton selbst mit dem VSC-Vorteil hinter den Mercedes auf die Strecke zurückgekehrt und hätte auf der Strecke überholen müssen. Der Blick in die Daten relativiert Wolffs Aussage jedoch: Das teaminterne Duell kostete Mercedes wohl nur rund zwei Sekunden Rennzeit. Und Hamilton kam nach seinem Stopp exakt zwei Sekunden vor Russell wieder auf die Strecke. Daten: Hamilton auch ohne VSC unaufhaltsam Am Ende hatte Hamilton leichtes Spiel. Er musste keinen Mercedes mehr auf der Strecke niederringen und feierte den Sieg mit 20 Sekunden Vorsprung. Doch wie sieht es im Reich der Konjunktive aus? Hätte der Ferrari-Pilot auch ohne das virtuelle Safety-Car triumphiert?
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Mit absoluter Sicherheit lässt sich das nie sagen, doch praktisch alle Indikatoren sprechen dafür. Da ist zum einen die extrem starke Pace am Ende des dritten Stints, als Hamilton auf den Mediums nur sieben Zehntel pro Runde auf die Mercedes-Piloten verlor.
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Es ist gut möglich, dass Hamilton diesen Stint noch fünf Runden in die Länge gezogen hätte. Er wäre dann mit einem hypothetischen Rückstand von etwa elf Sekunden, aber einem Reifendelta von zehn Runden in seinen finalen vierten Stint gegangen. Rein theoretisch hätte ihm das einen Pace-Vorteil von 1,5 Sekunden pro Runde eingebracht. Bei 20 verbleibenden Runden muss man kein Mathegenie sein, um zu sehen, dass Hamilton die Mercedes-Piloten spielend eingeholt hätte. Allerdings hätte er sich dann auf der Strecke nicht nur an den Silberpfeilen, sondern auch an McLaren-Pilot Lando Norris vorbeikämpfen müssen. Ferrari sicher: Hamilton hätte für den Sieg überholt Rückendeckung für diese Theorie gibt es direkt von der Ferrari-Chefetage. “Wir hätten das Rennen gewonnen, vielleicht mit etwas weniger Vorsprung”, bestätigte Teamchef Frédéric Vasseur nach der Zieldurchfahrt. “Wir waren zu diesem Zeitpunkt mit einem frischen Reifensatz in einer hervorragenden Position. Es hätte auch so gut ausgesehen.”
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Selbst das Argument der “Dirty Air” – also dem Zeitverlust durch Verwirbelungen beim Hinterherfahren – zieht im Nachgang kaum. Russell fehlte auf den harten Reifen schlichtweg jegliche Pace. Das sieht man im gegnerischen Lager übrigens ganz genau so. Mercedes-Teamchef Toto Wolff brachte es nach dem Rennen nüchtern auf den Punkt: “Lewis war danach einfach der Schnellste von uns. Selbst wenn wir vor ihm geblieben wären, wäre es verdammt schwer geworden, ihn hinter uns zu halten.” Nur eine Bedingung hätte Hamilton gefährlich werden können Abseits aller Konjunktive sprechen die nackten Tatsachen eine klare Sprache: Während seines letzten Stints auf den harten Reifen war Hamilton im Schnitt eine glatte Sekunde pro Runde schneller als Russell im Mercedes – und das bei einem Reifendelta von gerade einmal fünf Runden.
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In der Theorie hätte dieser Reifenunterschied nur rund 0,75 Sekunden ausmachen dürfen, zumal Russell seine harten Pneus in den ersten Runden unter VSC-Bedingungen extrem schonen konnte. Der reine Pace-Unterschied war demnach gewaltig. Bereinigt man alle Rennrunden um die unterschiedlichen Strategien, wird deutlich: Lewis Hamilton war in Barcelona der mit Abstand schnellste Mann im Feld. Strategiebereinigt fuhr er knapp zwei Zehntel pro Runde schneller als die Mercedes und nahm seinem Teamkollegen Charles Leclerc sogar sechs Zehntel ab. Mit diesem Speed-Vorteil hätte Hamilton höchstwahrscheinlich auch ohne VSC triumphiert. Schlagbar gewesen wäre der Brite wohl nur unter einem einzigen Umstand: Wenn Mercedes von Anfang an auf Andrea Kimi Antonelli gesetzt und ihn per Teamorder an George Russell vorbeigewunken hätte.
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Der junge Italiener überholte Russell gegen Rennende auf praktisch gleich alten Reifen und bewies damit, dass er eigentlich die bessere Pace besaß. Wie schnell er in freier Fahrt gewesen wäre, bleibt unbeantwortet. “Ich glaube, Kimi hätte heute gewinnen können”, gab auch Toto Wolff nach dem Rennen zu. “Aber diese Möglichkeit hatte er heute einfach nicht.”
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