Kommentar: Warum Isack Hadjar eine Medaille statt einer Verwarnung verdient

Kommentar: Warum Isack Hadjar eine Medaille statt einer Verwarnung verdient

 

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Isack Hadjar wurde nach seinem Vorfall mit einem Fan im Formel-1-Paddock von Mexiko verwarnt. Dabei hätte er eine Medaille verdient – und keine Rüge der FIA. Denn der Fall zeigt einmal mehr, wie sehr sich der Paddock von einem professionellen Arbeitsplatz zu einer VIP-Erlebniswelt entwickelt hat, in der manche Besucher offenbar jedes Gespür für persönliche Grenzen verlieren.  LAT Images Isack Hadjar bekam es in Mexiko mit einem übergriffigen Fan zu tun

Im Formel-1-Paddock gibt es inzwischen viele Menschen, die dort eigentlich nichts verloren haben. Dazu gehören selbst ernannte Experten, die ihre immer gleichen Meinungen in die Mikrofone halten, ebenso wie Besucher, die beim Anblick eines Fahrers jede Zurückhaltung verlieren. Wer jemanden aus der Netflix-Serie Drive to Survive wiedererkennt, scheint bisweilen zu vergessen, dass auch Formel-1-Fahrer ein Recht auf Privatsphäre haben. Der Paddock ist kein Streichelzoo Am Samstag in Mexiko wurde Hadjar von den FIA-Kommissaren vorgeladen. Der Vorwurf lautete auf einen möglichen Verstoß gegen Artikel 12.2.1.l des Internationalen Sportgesetzes der FIA – Fehlverhalten im Formel-1-Paddock. Konkret ging es um einen Gast, der dem Franzosen für ein Selfie offenbar zu nahe gekommen war. Hadjar ließ sich das nicht gefallen und schob ihn weg.
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Natürlich kann man über die Art und Weise diskutieren, wie der Red-Bull-Pilot reagiert hat. Aber ebenso muss die Frage erlaubt sein, warum ein Fahrer überhaupt in eine solche Situation gebracht wird. Hadjar war auf dem Weg zum ersten Training, hatte es offenbar eilig und zuvor bereits für ein Foto mit einem jungen Fan angehalten. Der nächste Gast schien jedoch zu glauben, dass er ebenfalls jederzeit Anspruch auf die Aufmerksamkeit des Fahrers habe. Wer Hadjars Funksprüche kennt oder ihn abseits des Cockpits erlebt hat, weiß, dass er nicht gerade dafür bekannt ist, jede Unterbrechung mit einem Lächeln zu quittieren. Dieser Gast hatte sich jedenfalls den falschen Moment ausgesucht, um die persönliche Distanz des Franzosen zu unterschreiten. Auch Verstappen fühlt sich im Paddock wie im Zoo Der Wandel des Paddocks ist längst kein Einzelfall in Mexiko. Früher war dieser Bereich vor allem ein Arbeitsplatz für Fahrer, Ingenieure und Teammitglieder. Heute wird er immer stärker als zusätzliche Möglichkeit verstanden, VIP-Tickets und Hospitality-Angebote zu verkaufen. Die kommerzielle Vermarktung der Formel 1 hat den Zugang für Gäste ausgeweitet – mit Folgen für diejenigen, die dort eigentlich arbeiten. Max Verstappen hat das Problem bereits angesprochen. In einem Interview mit der niederländischen Zeitung De Telegraaf verglich er den Paddock mit einem Zoo. Ein kurzes, ungestörtes Gespräch sei mittlerweile kaum noch möglich. Deshalb bewege er sich meistens nur noch zwischen seinem eigenen Raum, der Garage und der Boxengasse. Video wird geladen…  

Selbst in den Hospitality-Bereichen gebe es zahlreiche Gäste, die etwas von ihm wollen. Sie meinen es zwar nicht böse, erklärt Verstappen, doch auch er brauche gelegentlich Ruhe und einen Ort, an dem er nicht ständig angesprochen werde. Dass mit sportlichem Erfolg das Interesse an seiner Person wachse, sei grundsätzlich ein gutes Zeichen – trotzdem müsse es Grenzen geben.
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Wer durch Drive to Survive bekannt geworden ist, kann inzwischen kaum noch einen Schritt aus dem Motorhome oder der Garage machen, ohne auf einen Foto- oder Selfie-Wunsch zu stoßen. Manche VIP-Gäste scheinen dabei jedes Gefühl dafür verloren zu haben, ob der Zeitpunkt überhaupt passt. Aufdringliche Fans sind kein neues Problem Mexiko gilt zwar als besonders intensives Pflaster, doch das Phänomen beschränkt sich längst nicht mehr auf ein einzelnes Rennen. Verstappen musste dort vor einigen Jahren sogar eine komplette Session mit Biergeruch im Cockpit bestreiten, nachdem ein betrunkener Fan bei einem Selfie-Versuch sein Getränk über ihm verschüttet hatte. Auch Helmut Marko erlebte in Zandvoort eine ähnliche Situation. Während der damalige Red-Bull-Motorsportberater den niederländischen Medien ein informelles Debrief gab, platzte ein offenbar angetrunkener Besucher mit Bier in der einen und Smartphone in der anderen Hand in die Runde. “Helmut! Helmut! Foto!”, rief er lautstark. Markos missbilligender Blick hielt ihn nicht davon ab, sich dazuzustellen und sein Handy in die Gruppe zu strecken.
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Wann ist es eigentlich normal geworden, Fahrer und Teammitglieder wie Gegenstände zu behandeln? Wer in der Öffentlichkeit steht und mit seinem Beruf Geld verdient, ist deshalb noch lange nicht verpflichtet, sich jederzeit anfassen oder bedrängen zu lassen. Es muss auch ein Bewusstsein dafür geben, wann eine Bitte um ein Foto angebracht ist. Wer gerade auf dem Weg zum Training ist und unter Zeitdruck steht, hat möglicherweise andere Prioritäten. Hinzu kommt eine weitere fragwürdige Entwicklung: Manche Influencer versuchen gezielt, Prominente zu provozieren, um deren Reaktion heimlich zu filmen. Ob das im Fall Hadjar eine Rolle spielte, ist nicht bekannt. Fest steht allerdings, dass der Franzose an anderen Rennwochenenden regelmäßig auf Fotowünsche eingeht. Die FIA berücksichtigt die Umstände – und verwarnt Hadjar trotzdem Dass Hadjar kurz vor dem Vorfall noch für ein Selfie mit einem Kind angehalten hatte, floss auch in die Entscheidung der Kommissare ein. Sie berücksichtigten zudem das unaufgeforderte und vergleichsweise aggressive Auftreten des anderen Gastes. Am Ende beließen sie es bei einer formellen Verwarnung wegen eines Verstoßes gegen Artikel 12.2.1.l. In diesem Fall hätte die mögliche Höchststrafe bei 40.000 Euro gelegen.
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Eine Verwarnung ist angesichts dieser Umstände bereits eine bemerkenswerte Reaktion. Denn das eigentliche Problem liegt nicht darin, dass ein Fahrer seine persönliche Grenze verteidigt. Es liegt in einer Paddock-Kultur, die immer mehr Menschen den Zugang ermöglicht, ohne dass alle Besucher offenbar verstehen, dass sie sich dort an einem Arbeitsplatz befinden. Meistgelesen in unserem Netzwerk Motorrad
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Hadjar hätte für seinen Schubser vielleicht tatsächlich eine jener Medaillen verdient, die FIA-Präsident Mohammed bin Sulayem so gerne auf dem Podium verteilt. Und hoffentlich platzt die Drive to Survive-Blase irgendwann, sodass sich die aufdringlichsten Mitläufer wieder einer anderen Promi-Obsession zuwenden. Dann könnte der Paddock wieder stärker den Menschen gehören, die tatsächlich wegen des Motorsports dort sind.

 
Formel1.de 

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